| „Mit Genuss hinein“
(Freispruch für Havelländer OSZ- Elektroniker am 05.03.2011 in Lehnitz)
„Mit Genuss hinein“ und „Aus dem wilden Westen in den fernen Osten“ waren nicht
die Leitgedanken der feierlichen Freisprechung am vergangenen Sonnabend im Lehnitzer
Kulturhaus „Friedrich Wolf“, sondern die Mottos der gut besuchten närrischen Festsitzungen
des Lehnitzer Karnevalklubs LKK, die hier an Tagen zuvor stattfanden.
Die Leitsprüche der Lehnitzer Narren waren jedoch noch gut sichtbar in der gegenwärtig
allerorts üblichen Karnevalsdekoration eingebettet. Nicht so schlimm - die Angst der
Besucher, sich bezüglich des Veranstaltungsortes geirrt zu haben, erwies sich sehr bald als
unbegründet.
Während in alter Tradition die Lehnitzer Karnevalisten, Narren, Possenreißer und Hanswurste
niemals Aufwand und Mühen gescheut hatten, sich angemessen der Bedeutung einer
Festsitzung zu kleiden, es waren wunderschöne rote, weiße und blaue Kostüme in den
Traditionsfarben der Karnevalisten und der „Lehnitzer Funken“ zu bestaunen, und auch die
Gäste hatten feinsten Zwirn angelegt, erschienen 53 von insgesamt 55 freizusprechenden
Lehrlinge in gewöhnlicher Alltagsbekleidung zur feierlichen Übergabe der Gesellenbriefe.
Ganz klar erkennbar, kein Karneval, sondern nur Feierstunde für unsere neuen, dynamischen
Facharbeiter – nur ein ganz gewöhnlicher Meilenstein in der beruflichen Entwicklung – nichts
Besonderes also.
Und noch ein Unterschied war augenscheinlich:
Das lustige Treiben, das die Festhalle in den vorangegangenen Tagen beherbergte, war
gleichermaßen von Närrinnen und Narren aufgestellt, indes die Freisprechungsfeierstunde
reine Männersache war. Kein einziger weiblicher Lehrling hatte einen Einbruch in die „Männerdomäne Handwerk“ geschafft.
Die neuen Herren Anlagenmechaniker, Mechatroniker und Elektroniker blieben folglich bei
dieser Veranstaltung unter sich.
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Allerdings gab es auch Gemeinsamkeiten:
Ein Lehrling hatte eine Narrenkappe (neudeutsch: Basecap) bei der Entgegennahme der
Glückwünsche des Kreishandwerksmeisters Fischer auf. Wie cool!
Eine Rede gab es auch:
Der Kreishandwerksmeister Norbert Fischer gratulierte allen Junggesellen zum erfolgreichen
Abschluss der Lehre, erinnerte daran, dass das Handwerk nach wie vor goldenen Boden hat
und die soziale Akzeptanz guter Handwerker in unserer Gesellschaft ständig wächst.
„Gute Fachkräfte sind rar. Sie sind somit in einer komfortablen Situationen auf dem
Arbeitsmarkt“, so der Kreishandwerksmeister. Fischer erläuterte im weiteren Verlauf seiner
Rede die große Bedeutung des Konjunkturpaketes II: „Das Handwerk hat erheblich vom
KII Paket profitiert. Wir haben weniger Arbeitslose als vor der Krise“ (gemeint waren wohl
die Junggesellen). Er wünschte sich auch für die Zukunft weitere Konjunkturpakete im
Inland.
Fischer verwies auf die Einschätzung der Bundeskanzlerin Merkel, dass das Handwerk
wichtige Beiträge zur Wirtschaftsstabilität leiste. So stellt es beispielsweise ein Drittel der
Ausbildungsplätze im bewährten „Dualen System“ zur Verfügung. |
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Noch eine Rede wurde gehalten:
Der Kreisbildungsdezernent Ludger Westkamp erklärte, dass es 3278 Betriebe im Oberhavelland gibt, „…die meisten in ihrer Branche. Ruhen Sie sich nicht auf dem Erfolg aus.
Weiterbildung ist die beste Arbeitslosenversicherung“ so sein Hinweis. „Deutsche Handwerker sind auch international hoch angesehen“, sagte Herr Westkamp,
verwies aber darauf, dass er mit dieser Bemerkung keinen Bezug auf das am Bühnenaufgang
der Festhalle angeschlagene Karnevalsmotto „Aus dem wilden Westen in den fernen Osten“
herstellen wollte.
Musik gab es auch:
Ob Karneval oder Freisprechung, Musik darf nicht fehlen.
Die Amateurband des LKK ist allen Teilnehmern des närrischen Treibens gut bekannt, nicht
nur deshalb, weil man sich ihrer Trommelfell malträtierenden Wirkung nicht entziehen kann.
Auch ist es Brauch, sie in den scheinbar endlos gestreckten Festtagssitzungen vielmals
vorzustellen.
Nicht so bei der Freisprechung am vergangenen Sonnabend. Für die musikalische
Umrahmung der Feierstunde kamen stattdessen zwei mysteriöse, in dunkler Abendgarderobe
gekleidete junge Damen zum Einsatz, die mit Violine und Klarinette für eine mozartische
Begleitung der Veranstaltung sorgten. Dies geschah aber mit höchster Professionalität und
Präzision. Großes Lob!
Sie hätten es verdient, an geeigneter Stelle im Veranstaltungsprogramm der Festgesellschaft
vorgestellt zu werden. Schade!
Noch eine Analogie:
Dem Karnevalisten ist der Tusch sehr wichtig. Ein Tusch ist ein musikähnliches
Klanggebilde von grober Struktur, er leitet Hochrufe ein oder begleitet sie. Beim Karneval
hilft er darüber hinaus der begriffsstutzigen Festtagsgesellschaft die Redestellen mit Pointen
zu erkennen, an denen man also Lachen muss, er gliedert Abläufe, u.a.m. Ähnliches geschah bei der Freisprechung. Die geheimnisvollen Damen auf der Bühne
markierten musikalisch mit wenigen Takten eines wohlklingenden Duettes all jene Pausen,
die entstanden, wenn die in Gruppen aufgerufenen einstigen Lehrlinge zur Übergabe der
Gesellenbriefe vor die Bühne des Klubhauses traten. Genau so rätselhaft wie die Herkunft
dieser so meisterlich musizierenden Damen selbst, bleibt jedoch die Frage: „Warum nur klang
diese kurze akustische Strukturierungshilfe jedes Mal wie der Anfang von Fank Sinatras Song „My Way“ (besser bekannt als „I did it my way“,1968)“? Absicht? Endzeitstimmung?
Heißt es hier nicht am Anfang der 1.Strophe: „And now, the end is near…“?
Hatte der Kreishandwerksmeister Nobert Fischer nicht gerade in seiner Rede von„Komfortabler Situation auf den Arbeitsmarkt“, von Konjunktur und vom goldenen Boden
des Handwerks gesprochen?
Vielleicht löst die letzte Zeile des Liedtextes das Rätsel: „The record shows I took the blows -
And did it my way“? Ich steckte Schläge ein?..... – eine Anspielung auf die abgeschlossene
Lehre? Wieder ein Rätsel.
Nun ein ganz kleiner Unterschied:
Ein jeder, der schon einmal Karnevalssitzungen beiwohnen durfte, kennt das:
Am Ende der 5. Jahreszeit werden all jene Akteure, die am Gelingen der närrischen Tage
Anteil hatten, mit zahlreichen Ehrungen, Danksagungen und Loben bedacht. So auch Tage
zuvor in Lehnitz. Der LKK hatte zum Ausklang der Saison besonders viele Orden abgestaubt,
auch eine Auszeichnung von „höchster Ebene“ gab es. Der Bund des deutschen Karnevals
verlieh die Ehrennadel „Treue in Gold mit Brillanten“ für eine besonders engagierte
Choreografin.
Danke sagen ist bei Freisprechungen allerdings nicht üblich. Die zahlreichen Ausbilder,
Ausbildenden, Lehrbeauftragte, Meister, Lehrer, die Nachhilfe leistenden freien Träger,
die Mitarbeiter der Bildungs- u. Leistungszentren, die ÜAZ, die Ausbilder und Dozenten
in den Bildungsstätten der Berufsgenossenschaften, die Bediensteten des Landkreises,
die Mitarbeiter der HWK, aber vor allem all jene arbeitenden Steuerzahler, die mit ihren Abgaben, Steuern oder Beiträgen für die Berufsgenossenschaft diese, für die Lehrlinge
kostenlose Ausbildung Jahr für Jahr ermöglichen, benötigten dieses „Danke“ nicht.
Sie machen trotzdem weiter…….
Jetzt was Erfreuliches:
Alle Elektroniker, die im OSZ- Havelland im Frühjahr 2011 freigesprochen wurden, sind von
den im Havelland ansässigen Ausbildungsbetrieben übernommen worden.
Die Stimmung am vergangenen Sonnabend in Lehnitz war daher gut und es hätte in dieser
Feierstunde der Aufmunterung durch die Karnevalsdekoration nicht bedurft.
07.03.2011
Dargatz |