Besuch in der Unsicht-Bar
oder Der Weg in die Finsternis
Wie ist es, wenn einen tagtäglich die Finsternis umgibt. Kein Lichtstrahl, der den Weg weist. Die für den Menschen so wichtige bildliche Wahrnehmung über die Augen funktioniert plötzlich nicht mehr. Es ist sehr schwer, sich die Bedingungen, über die die Orientierung eines Blinden abläuft vorzustellen.
Vor einiger Zeit hörten wir, dass in verschiedenen Städten, so auch in Berlin versucht wird, sehenden Menschen eine Vorstellung dieser Lebenswirklichkeit zu ermöglichen: Wie orientiert man sich in einer Gaststätte, in der alle Tätigkeiten in völliger Dunkelheit verrichtet werden müssen?
So wurde der Besuch des Restaurants „UNSICHTBAR“ geplant und nach mehrmaligen Anläufen am 2. Oktober von einem Teil der Lehrer der Abteilung 3, insbesondere des Fachbereichs Optik, und einiger Gäste durchgeführt. Voller Erwartung trafen wir uns pünktlich um 18.00 Uhr vor der Gaststätte und wurden vom Personal freundlich begrüßt und in Empfang genommen. Um unvorhergesehene Pleiten, Pech und Pannen soweit möglich auszuschließen, erfolgte eine konkrete Einweisung in das notwendige Verhalten. Auch das Lesen der Speisekarte und die Auswahl des Menüs geschah noch im Hellen. Danach begrüßte uns der Mann, der uns den weiteren Abend zur Seite stehen sollte - der blinde Kellner Hedi. Der Weg in die Dunkelheit begann. In einer Reihe, die Hände auf der Schulter des Vordermanns/der Vorderdame, Hedi voran, gingen wir in die Gaststätte. Die Finsternis umfing uns – ein Orientieren war uns nicht mehr möglich. Diese Atmosphäre war für jeden von uns äußerst bedrückend, was im plötzlichen Verstummen unserer vorher geführten Gespräche gut zu erkennen war. Hedi führte uns zu unseren Plätzen, und so saßen wir erst einmal und versuchten uns vorzustellen, wie der Raum denn beschaffen sein könnte: Wie viele Personen würden mit uns diese Erfahrung teilen, wie groß ist der Raum, in dem wir uns befinden? Durch Erfragen und Ertasten stellten wir dann die Tischordnung fest. Wer sitzt neben wem? Wer sitzt gegenüber?
Hedi stellte uns die Anordnung des Geschirrs und des Bestecks vor. Jeder ertastete seinen Bereich und versuchte sich alles so gut wie möglich einzuprägen. Dann kamen die Getränke, die allerdings erst aus der Flasche in die leeren Gläser gefüllt werden mussten – von uns selbst. Wie stellt man fest, ob nicht zu wenig oder, was peinlicher wäre, zu viel eingegossen wurde? Hedi wusste was – „Finger rein ins Glas“! Und es klappte recht gut. Und wenn nicht – die anderen konnten’ s ja nicht sehen. Dann wurde aufgetischt, jeder bekam exakt das vorher Bestellte- kein Nachfragen war nötig. Vorsichtig wurden die leckeren Speisen zum Mund geführt. Wahrscheinlich haben wir erst probiert, wie es mit Messer und Gabel klappt, aber ich denke, die meisten von uns haben letztendlich ihre Finger benutzt. Die Stimmung wurde immer ausgelassener, die Kommunikation klappte wunderbar - die Dunkelheit verlor langsam ihren Schrecken, nur das Zeitgefühl litt. Denn Dunkelheit bedeutete auch – keine Uhren mit fluoreszierender Anzeige.
Drei Stunden haben wir in der Finsternis verbracht. Wir haben fürstlich gespeist und haben keinen Schaden angerichtet. Hedi verblüffte uns zum Abschied mit seinem phänomenalen Gedächtnis: Er hatte sich alle Namen eingeprägt, was umso erstaunlicher war, da er außer unserem Tisch noch wenigstens 3 weitere zu betreuen hatte.
Am Ende waren wir natürlich froh, als uns der erste Lichtschein wieder zu gewohnter Orientierung verhalf. Allerdings blendete uns die schwache Beleuchtung noch eine gewisse Zeit. Wir bezahlten unsere Rechnung und machten uns in der Nacht auf die Reise nach Hause – um wichtige Erfahrungen reicher, die uns helfen werden beim verständnisvollen Miteinander mit Sehbehinderten und blinden Menschen.
Kollegium des Fachbereichs Optik
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